Reverb richtig einsetzen beim Vocal-Mixing

Den Hall einstellen wie die Profis – Vocals


Neben dem Equalizer und dem Kompressor ist der Hall (Reverb) wohl das wichtigste Effektgerät beim Mischen eines Songs. Hier erfährst du wie man das Hallgerät, egal ob Plugin oder Hardware, richtig einstellt.

Wie wirkt sich Hall auf die Stimme aus?

Allgemein kann man sagen, dass mit zunehmender Länge des Halls die Präsenz abnimmt. Eine lange Hallfahne kann eine Stimme in den Hintergrund fallen lassen. Deshalb sind in der Regel lange Hallfahnen ungeeignet für präsente Hauptstimmen. Wohingegen Backgroundstimmen generell mit längeren Hallzeiten gut in den Mix eingefügt werden können. Allerdings kann durch die richtige Pre-Delay-Einstellung die Präsenz der Hauptstimme auch mit einer langen Hallfahne erhalten bleiben.

Welchen Hall einsetzen für Vocals?

Es gibt die verschiedensten Hallarten. Da stellt sich die Frage, welcher die Richtige für meine Stimme ist. Diese Frage lässt sich leider nicht allgemein beantworten, da dass von Genre, Stimme und Gefühl des Songs abhängig ist. Kann man sich eine Power-Ballade mit kurzem Hall vorstellen? Ich zumindest nicht!

Um sich besser orientieren zu können, habe ich eine Auflistung erstellt, welche ich als besonders geeignet empfinde für die Stimmbearbeitung. 

Hall, Kammerhall / Chamber, Raumhall / Room

Diese drei Arten des Halls klingen natürlich und bilden typische Konzertsäle, Konzertkammern und Räume ab.

Hall-Reverb

Logic Pro X Space Designer – Bright Hall Preset

Hall ( ca. 1 bis 4 Sekunden) und Kammerhall ( ca. 2 Sekunden) zeichnen sich durch sehr lange Hallfahnen aus und eigenen sich daher nur bedingt für Hauptstimmen mit schnellen Textpassagen. Durch die langen Hallfahnen werden schenll gesungene oder gesprochene Vocals schnell matschig und verlieren an Präsenz. In der Dance-Music finden sich allerdings viele Beispiele, die sich langer Hallfahnen bedienen.Ohne lange Hallräume wären die kommerziellen Dance-Hymnen à la David Guetta und Avicii kaum vorstellbar. 

Raumhall beschreibt kleinere Räume und hat eine geringere Nachhallzeit (0,3 – 2 Sekunden). Gerade deshalb eignet sich dieser Hall für Songs mit schnelleren Textpassagen. Dieser Hall ist auch sehr natürlich und bildet kleinere Räume und Zimmer ab. Er kann dafür sorgen, dass sich die Vocals, gesungen oder gerappt, gut und natürlich in den Mix einfügen.

Large room

Hallplate / Plate

Eine echte Hallplatte besteht aus einer Stahlplatte, die frei schwingen kann. Sie wird durch das eingehende Audiomaterial zum Schwingen gebracht. Diese Schwingungen werden mit einem oder mehreren Mikrofonen aufgenommen.

Die Nachhallzeit ist je nach Plate unterschiedlich lang und kann typischerweise zwischen 0,2 und 4 Sekunden liegen. Plate Reverb eignet sich aufgrund der Hallzeitenlänge sehr gut für Balladen und allgemein für gesungene Passagen.

Plate

Waves RVerb – Plate

Federhall / Spring Reverb

Er ähnelt der Hallplatte und wie der Name schon sagt, wird eine Feder in Schwingung versetzt. Am Ende der Feder kommt die Schwingung mit Verzögerung an und wird dort wieder in ein Audiosignal gewandelt.

Spring Reverbs haben einen ganz eigenen Sound und man kann sie in dem Sinne raus hören, dass sie nicht ganz natürlich klingen und resonieren. Die Feder schaukelt sich einfach gesagt selbst auf. Aber gerade das kann den Reiz ausmachen. Spring Reverb eignet sich auch prima für Gesang, aber auch für Rap, der ein besonderes Ambiente bekommen soll. Optimal eignen sich die Anwendung auf E-Gitarren.

Spring

Waves RVerb – Spring

Hall, Kammerhall, Room, Hallplate, Federhall kann ich für Vocals empfehlen. Jedes gute Hallgerät bzw. Plugin hat mehrere Emulationen (Impulse Responses) solcher Halleinstellungen. Die Auswahl obliegt dem persönlichen Geschmack und der Stimme, des Genres aber auch des Tempos. Im Grunde kann man sagen gut ist, was gefällt. Mixing-Engineer Gregg Wells (Katy Perry, Adele) zeigt in einem Produktvideo seine Liebe für langen Kirchenhall (kann bis 7 Sekunden lang sein) auf Vocals.  Und seine Mixes klingen wirklich sehr auf den Punkt. Deswegen können Ambienthall oder Effektreverb perfekt passen.

Wie stellen Profis den Hall Effekt ein?

Ich habe es schon erwähnt, egal ob kurzer oder langer Hall, im Endeffekt kann man jeden Hall für die Hauptstimme verwenden. Und wie das funktioniert erkläre ich euch jetzt:

Wie setze ich ein Reverb ein? Send oder Insert?

Durch Plugins, die Dry/Wet Regler besitzen, ist diese Frage gar nicht mehr so leicht zu beantworten. Allerdings würde ich immer einen Aux-Track anlegen und den Hall mittels Send dazumischen!  

Durch das Erstellen eines Aux-Tracks hat man deutlich mehr Möglichkeiten, den Effekt zu bearbeiten. Würde man zusätzliche Effekte als Insert anlegen, die nur den Hall beeinflussen sollen, wäre das nicht möglich, weil sie das komplette Signal verändern würden. Gerade bei Hall sollte man einen Equalizer im Anschluss verwenden, um diesen von dem Hauptsignal zu entkoppeln. Dazu gleich mehr.

Pre-Delay

Unabhängig für welchen Hall und welche Halllänge man sich entscheidet, sollte man unbedingt das Pre-Delay einschalten. Das Pre-Delay verzögert das Eintreten des Halleffekts um einen bestimmten Wert. Durch diese Entkopplung bleibt die natürliche Präsenz des eigentlichen Materials erhalten. Damit die Verzögerung natürlich klingt, ist sie idealerweise mit der Geschwindigkeit des Songs verknüpft. Natürlich kann man das auch nach Gefühl machen, aber gerade als nicht so erfahrener Mischer bietet es sich an den Taschenrechner raus zu holen.

Um das Pre-Delay zu berechnen, geht ihr folgendermaßen vor:

60.000 : BPM ( Geschwindigkeit des Songs) = Pre-Deleay (¼ Note)

Pre-Delay für 120 BPM (1/4 Note)

500 Milliesekunden entspricht der Länge einer 1/4 Note bei 120 Bpm

Das Ergebnis teilt ihr dann wieder durch 2 und so weiter. Dadurch habt verschiedene Pre-Delay Zeiten, die ihr ausprobieren könnt.

Beispielrechnung Pre-Delay für 120 BPM:

  1. 60000 : 120 = 500 (1/4 Note)
  2. 500 : 2 = 250 (1/8 Note)
  3. 250 : 2 = 125 (1/16 Note)
  4. 125 : 2 = 62,5 (1/32 Note)

Falls ihr mir beim einstellen des Pre-Delays ganz genau auf die Finger schauen wollt, habe ich ein Video gemacht, welches ich unten im Artikel verlinkt habe.

Die berechneten Werte sollte man auf das Pre-Delay übertragen und ausprobieren. Meine Erfahrung ist, dass eine Pre-Delay Zeit für eine Hauptstimme mindestens 40 ms  und maximal 120 ms betragen sollte. Aber auch hier gilt wieder der persönliche Geschmack. Alles was darunter liegt, ist mir persönlich zu sehr mit dem Hauptsignal verschmolzen und was über 120 ms liegt, klingt für meist zu losgelöst vom Original. Fast wie eine ungewollte Lücke. Aber das hängt natürlich auch stark von dem Songtempo ab.

EQ-Einstellungen für den Hall Effekt

Eine Sache, die oft nicht gemacht wird, ist den Reverb auszudünnen. Deshalb klingen manche Hallfahnen auch lauter als das Hauptsignal und vermatschen den kompletten Mix.

Es sollte unbedingt ein Low-Cut bis mindestens 80 Hz gesetzt werden. Gerne auch höher. Denn der untere Frequenzbereich muss unbedingt aufgeräumt bleiben und diese Frequenzen sind beim Einsatz des Hallgerätes nicht von großer Bedeutung.

Das Hallgerät orientiert sich natürlich an dem Ausgangssignal. Die Frequenzen, die die Stimme präsent klingen lassen liegen grob zwischen 1-5 kHz. Genau aus diesem Grund sollten diese Frequenzen weggeschnitten werden.

Eine weitere Frequenz, die unbedingt rausgefiltert werden sollte, liegt in der Regel zwischen 300 und 700 Hz. Dort liegt meist der ganze matscht, der Stimme und dieser darf sich nicht im Mix aufschaukeln. Deswegen unbedingt rausschneiden, was in diesen Bereich schlecht klingt.  

Durch Halleffekte können auch scharfe S-Sounds mehr in den Fokus rücken. Dagegen hilft entweder ein De-Esser oder ein Hi-Cut bis circa 3 kHz.

Das klingt fast so, als müsste man alles rausziehen, oder? Aber keine Sorge, der Hall ist ein unterstützendes Element. Im Idealfall nimmt man den Reverb nur wahr, wenn man ihn ausmacht und sich wundert, dass irgendwas fehlt!

Wenn du meine 5 besten Mixing- und Mastering-Tipps erfahren möchtest, trage dich jetzt in meinen kostenlosen E-Mail Newsletter ein!


Deine E-Mail-Adresse:






 In diesem Video möchte ich dir ganz genau zeigen, wie ich beim einstellen des Pre-Delays vorgehe.


Comments 7

  1. Pingback: Was ist die perfekte Abhörlautstärke? - abmischenlernen.de

  2. Pingback: Transparenz im Mix durch Panning! - abmischenlernen.de

  3. Hallo, ich grüsse dich!

    Also ich bin schlichteeg begeister.
    Einfach erklärt, ohne Schnörkel,
    ser,sehr lehrreicht.
    In Fachbüchern findet man das nicht in einer so verständlichen Form.
    Also, schon mal danke für deine
    Ausführungen.
    Was gibt es noch bei dir an interressntem Material zum Lernen?
    Mit freundlichem Gruss
    Arno

    1. Post
      Author
  4. Pingback: Abmischen und Produzieren mit Kopfhörern - abmischenlernen.de

  5. Hex,
    Bin gerade auf deinen Kanal gestossen.
    Melde dich mal bei mir bitte…Suche jemand der mir das mischen beibringt, selbstverständlich gegen Entlohnung.
    Liebe Grüße

  6. Lieber Philipp

    Vielen herzlichen Dank für dieses Tutorial! Diese Tipps haben mir bei einer neuen Symphonie sehr geholfen, dass der Klang sich nicht vermatscht. Ich habe den Hall mit dem Taschenrechner berechnet und siehe da, der Klang wurde plötzlich klar!

    Lieber Gruss
    Raphael

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*